Das lange Warten auf den Bescheid

Das Warten zermürbt ihn. Demir Celik war Abgeordneter der HDP in Ankara. Heute lebt er in Bern und wartet auf die Annahme seines Asylantrags. Seit acht Monaten wartet er auf den Bescheid, der über sein Leben entscheiden wird. Wir trafen Demir Celik, Co­-Präsident des europäischen Kongresses der demokratischen Völker (HDK-A) zu einem Gespräch.

Demir Celik ist enttäuscht über die bürokratische Willkür, mit der die Entscheidung über seinen Asylantrag in die Länge gezogen wird. Es ist aber nicht nur die Ungewissheit über seine Zukunft, die an ihm nagt, sondern vor allem die Unmöglichkeit zu handeln.

„Ich möchte mein Schaffen in den Dienst einer weltweiten, demokratischen Friedensbewegung stellen.„

Sein Leben widmet der studierte Apotheker der politischen Arbeit. Aktuell kann er weder schreiben noch reisen noch arbeiten. Dabei gibt es so viel zu tun. In der Türkei steht das Referendum an, das Recep Tayyip Erdoğan zum Monarchen erheben soll. Und überall in Europa sind rassistische und nationalistische Kräfte auf dem Vormarsch, gegen die es zu streiten gilt. Doch ohne den richtigen Pass bleiben die Handlungsoptionen beschränkt.

Am 15. Juli 2016 reiste der 57-Jährige in die Schweiz. Nachdem die Türkei im Frühjahr ein Gesetz verabschiedet hatte, dass es ermöglichte, die Immunität der Abgeordneten aufzuheben, wurden unzählige Verfahren gegen regierungskritische Abgeordnete eingeleitet. Seine Flucht aus der Türkei erfolgte gerade rechtzeitig, um den Folgen des „Militärputschs“ zu entgehen. Seither wurden ungezählte HDP-Mitglieder inhaftiert und hunderte NGOs aufgelöst und verboten. Darunter auch die NGO, in der seine Frau Songül aktiv war. Sie begleitete Demir in die Schweiz – nicht mit dem Ziel zu bleiben. Doch kurz nach ihrer Ankunft wurde auch ihre NGO Opfer der Razzien. Mehrere AktivistInnen – FreundInnen – wurden inhaftiert.

„In der Türkei erwarten mich Gefängnis und Folter. Aber manchmal wünsche ich mir zurück zu gehen, denn alles was ich habe, all meine Freunde – mein Leben – sind dort.„

Geboren wurde Celik 1959 als Sohn einer alevitischen Bauernfamilie in der Region Muş. Mit zehn Jahren ging er auf ein staatliches Internat. Zu dieser Zeit war ihm nicht bewusst, dass er Kurde und Alevit war. In der Schule wurde Türkisch gesprochen, und die Eltern verdrängten bestehende kulturelle Unterschiede, um ihre Kinder vor Repression zu schützen. Noch immer war die kurdische Bevölkerung gelähmt von der brutalen Niederschlagung des Dersim-Aufstands, bei dem sie für kulturelle und politische Autonomie gestritten hatte.

Erst als Celik die Universität in Ankara besuchte, wurde ihm klar, dass er Kurde ist. Er begann, sich in sozialistischen Netzwerken zu engagieren. Doch die türkische Linke war nicht nur offen gegenüber kurdischen AktivistInnen. Hass und Demütigung fanden auch hier Einzug.

„Ich musste einer Genossin beweisen, dass ich als Kurde weder ein halbes Tier bin, noch einen Teufelsschwanz habe.„

Mit der Gründung der PKK, der kurdischen Arbeiterpartei, im November 1978 hatte sich das Selbstverständnis der Kurdinnen und Kurden verändert. Damit begann auch ihr Kampf gegen die Unterdrückung. Doch es sollte noch mehr als drei Jahrzehnte dauern, bis linke TürkInnen und KurdInnen Seite an Seite stehen konnten.

1991 kandidierte Demir Celik für die HEP, einer mitte-links-Partei, die sich vorwiegend mit der Lösung der Kurdenfrage beschäftigte. Bei den Parlamentswahlen in Antalya errang er ein Mandat. Doch schon zwei Jahre später wurde die Partei verboten, und viele der ProtagonistInnen der HEP wurden Opfer von Attentaten.

2008 war Celik an der Gründung der BDP, einer ebenfalls kurdischen Partei beteiligt und wurde später ihr Co-Vorsitzender. Bei den Wahlen 2011 zog er ins Parlament in Ankara ein.

Entscheidender Impuls für die politische Entwicklung war es jedoch, einen Schulterschluss zwischen progressiven türkischen Parteien und prokurdischen Kräften zu erwirken. Das gelang unter Mitwirkung vieler BDP-Mitglieder 2010 mit dem Kongress der demokratischen Völker (HDK). Der Dachverband, der 2011 schon wesentliche Teile der Linken fasste, bereitete die Gründung der HDP vor.

Abdullah Öcalan bezeichnete die HDP als „historische Erbin des revolutionären Kampfes“. Bei den Wahlen zur Nationalversammlung 2015 zog sie mit 13,1 Prozent ins Parlament ein. Doch die Freude sollte getrübt sein. Schon während des Wahlkampfes gab es einen Bombenanschlag auf eine Wahlversammlung und diverse Angriffe auf Büros der HDP. Nach den Wahlen verschärfte der Staat seine Repression.

Wahlhochburgen der HDP wurden zerstört, und Menschen wurden willkürlich verhaftet. Die Verfassungsänderung im März 2016 ermöglichte es, die Immunität der Abgeordneten aufzuheben. Ein Schachzug, der allein der Lähmung linker Kräfte galt und in mehreren Verhaftungswellen gegen HDP-Mitglieder, wie Abgeordneten und im Verbot von 370 NGOs und Vereinen endete.

Demir blickt auf diese Geschichte zurück. Wir sprechen nicht über die inhaftierten FreundInnen und auch nicht über die WeggefährtInnen, denen ihr Leben genommen wurde. Aber darüber, dass sein Leben auch hier nicht sicher ist. Als ich seinen Ausweis fotografiere, erzählt der stets staatsmännisch wirkende Politiker, dass man auch hier vor Anschlägen und Attentaten nicht gefeit sei und jeder um seine Sicherheit bemüht sein müsse.

Nun lebt der frisch gewählte europäische Co-Vorsitzende des Kongresses der demokratischen Völker (HDK-A) in einer WG. 450 Schweizer Franken gesteht ihm das Migrationsamt für eine Wohnung zu. Er fragt sich, wie er mit knapp 60 Jahren ein neues Leben aufbauen soll.

Ich frage ihn nach seiner politischen Vision und spüre, dass das Leben in der Schweiz nicht nur neu sein wird. Die politische Arbeit bleibt für Demir Celik eine Konstante. „Ich will eine gerechte Welt, in der Nation, Hautfarbe und Religion keine Rolle spielen. Die Natur und jedes Lebewesen muss geachtet werden.“ Das gilt nicht nur in der Türkei.

Das Gespräch wurde im Februar geführt und zudem veröffentlicht auf beobachternews.de