Saadi mahnt. Das Regime mordet. Die Welt schweigt.

Hier steht die Übersetzung eines berühmten Gedichtes des Dichters Saadi. Dieser Text ist in Persisch in einen grossen iranischen Teppich eingewebt, der im Jahr 2005 den Vereinte Nationen geschenkt wurde und in einem der Säle der Organisation ausgestellt wird. Die Lettern sind mit Goldfäden gefertigt.

Es sagt, dass wir als soziale Wesen aufeinander angewiesen sind und unser Glücklichsein voneinander abhängt. 
Der Iran verfügt über grosse natürliche Ressourcen, insbesondere Erdöl und Erdgas. Das Land  hat eine strategische Lage zwischen Asien, Europa und dem Nahen Osten. Es verfügt über eine relativ grosse Binnenwirtschaft und über 80 Millionen Einwohner. Doch durch den aggressiven Politik-Export des iranischen Regimes zur Unterstützung  von Terrorismus im Nahen Osten wurde die wirtschaftliche Entwicklung  faktisch um Jahrzehnte zurückgeworfen – strukturelle Fehlentscheidungen taten das ihrige dazu. Internationale Sanktionen waren eine Reaktion darauf, dass sich das Regime nicht an internationale Regeln hält. Zusätzlich liegt ein grosser Teil der Wirtschaft in den Händen der Revolutionsgarden (IRGC), die selbst sanktioniert sind, was die Lage weiter verschärft. Dieselbe Organisation tritt im Inland repressiv auf und geht gewaltsam gegen friedlich Demonstrierende vor.

Aussenpolitisch spielt der Iran eine bedeutende, jedoch kontroverse Rolle im Nahen Osten, die eng mit dem Mullah-Regimes verknüpft ist. Seit seiner Machtübernahme stützt sich das Regime auf zwei zentrale Säulen: einerseits die massive Repression im Inneren mit Hinrichtungen, Folter, willkürlichen Verhaftungen sowie der systematischen Unterdrückung von Dissens; andererseits auf die Expansion von Einflusssphären durch die Unterstützung von Terrorgruppen in der Region, die Verbreitung seiner ideologischen Ausrichtung sowie die Finanzierung bewaffneter Konflikte. Kriege und Instabilität im Nahen Osten und die Beschwichtigungspolitik mit dem Westen haben über Jahrzehnte hinweg wesentlich zum politischen Überleben des Regimes beigetragen.

Nach der Revolution von 1979, bei der die iranische Bevölkerung den diktatorischen Schah stürzte, wurden in den folgenden Jahren über 30’000 Gegner der Islamischen Revolution inhaftiert. Während des vom Regime mitverantworteten Kriegs gegen den Irak kam es insbesondere im Jahr 1988 zu Massenhinrichtungen, bei denen Tausende Gefangene getötet wurden. Ein grosser Teil der Hingerichteten gehörte der Organisation der Volksmudschahedin an, einer Widerstandsbewegung.

Diese Ereignisse wiederholen sich derzeit erneut. Während sich die internationale Aufmerksamkeit auf den Krieg sowie auf die Auswirkungen  auf die Weltwirtschaft und den Ölpreis richtet, werden sowohl politische Gefangene, die seit Jahren in den Gefängnissen des Regimes inhaftiert sind, als auch gegenwärtig Demonstrierende in grosser Zahl hingerichtet. Zwischen dem 30. März und dem 4. April wurden sechs politische Gefangene – Abolhasan Montazer, Vahid Bani Amerian, Mohammad Taghavi, Akbar Daneshvarkar, Babak Alipour und Pouya Ghobadi – hingerichtet, die der Organisation der Volksmudschahedin Iran angehörten. Diese Menschen sind trotz Folter und jahrelanger Haft bis zu ihrem letzten Atemzug ihren Idealen treu geblieben und nicht zurückgewichen: Sie forderten die Trennung von Religion und Staat, die vollständige Gleichberechtigung der Frauen, die Unabhängigkeit der Justiz und Rechtsstaatlichkeit. Auch die Autonomie ethnischer Gruppen im Rahmen der nationalen Einheit, einen atomwaffenfreien Iran sowie eine friedliche Koexistenz mit der Welt waren Teil ihres Begehrens.

Weiter wurden drei junge Menschen, die im Zusammenhang mit den Januar-Protesten verhaftet worden waren, hingerichtet – Mohammad Amin Biglari, Shahin Vahedparast und Ali Fahim.
Dies zeigt, dass das Regime seit Beginn seiner Herrschaft grösste Angst vor dem Widerstand der eigenen Bevölkerung hat und zur Abschreckung  Massaker selbst im Schatten des Krieges verübt. Dies bewirkt jedoch das Gegenteil und stärkt den Willen der Bevölkerung, dieses Regime zu stürzen. 

Parallel zur anhaltenden, längsten Internetunterbrechung im Iran hat die Organisation Amnesty International am Freitag, dem 9. April, ein sofortiges Ende dieses Zustands gefordert.
Angesichts der sich der Marke von 1000 Stunden nähernden Internetausfälle forderte die Organisation «unverzüglich den Internetzugang wiederherzustellen». In der Mitteilung wurde betont, dass der Zugang zum Internet ein grundlegendes Menschenrecht ist und insbesondere in Krisenzeiten von lebenswichtiger Bedeutung ist. Die iranischen Bürger müssten in dieser Zeit in «digitaler Dunkelheit» leben.

Nach Daten von NetBlocks hat die Internetstörung im Iran am 9. April 2026 ihren zweiundvierzigsten Tag erreicht und dauert seit 984 Stunden an. Dies zählt zu den längsten Internetausfällen weltweit und hebt die Stellung des Iran erneut negativ hervor.

Das iranische Regime legt mit der extremen Repression seine eigene Schwäche  offen. 
Heute ist es wichtiger denn je zu erkennen, dass ein Sturz dieses Regimes sowie Sicherheit und Stabilität im Nahen Osten nur durch den iranischen Widerstand und die eigene Bevölkerung zustande kommen kann. Die iranische Bevölkerung wird einmal mehr, ob unter den Bomben des Krieges oder unter der Repression des eigenen Regimes mit erhobenem Haupt ihr eigenes Schicksal bestimmen. Wie Saadi es treffend formulierte, braucht es dafür jedoch uns alle, denn jeder von uns ist Teil eines Ganzen und kann seinen Beitrag dazu leisten, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen: ohne Krieg, ohne Todesstrafe und ohne Folter.

Firoozeh Miyandar

Die Autorin ist Iranerin und aktiv im  Flüchtlingsparlament sowie gegen das Mullah-Regime. Seit 2022 lebt sie mit ihrem Sohn in der Schweiz