Präsi-Seki-Gespräche nach der Abstimmung

O: Also gewonnen haben wir. Sagt jedenfalls das Resultat.
F: Findest du das nicht etwas voreilig?
O: Was denn?
F: Das Wort «gewonnen».
O: Nun, gewonnen haben wir doch.
F: Eine Abstimmung.
O: Das ist gewöhnlich die Definition und nicht unerheblich.
F: Vielleicht stimmt die Definition nicht mehr.
O: Warum so mies gelaunt? Weil 45 Prozent zugestimmt haben?
F: Weil wir inzwischen glauben, Demokratie bestehe aus Abstimmungssonntagen.
O: Woraus besteht sie denn sonst?
F: Aus Montagen. Und den Tagen danach.
O: :D - Verstehe – aber das musst du trotzdem genauer erklären.
F: Wenn Menschen sich den Rest des Jahres allein fühlen, schlecht wohnen, Überstunden machen, Angst vor der nächsten Prämienrechnung haben und
den Eindruck gewinnen, niemand höre ihnen zu, dann kann man dieses Gefühl nicht mit einem Abstimmungssonntag ändern.
O: Einverstanden – aber das erklärt noch nicht, weshalb so viele rechts wählen.
F: Vielleicht erklärt es genau das.
O: Ich glaube, dass das nicht ausreicht und etwas Grundsätzliches davorkommt.
F: Was denn?
O: Die Erzählung.
F: Welche?
O: Dass jede und jeder seines Glückes Schmied sei. Jahrzehntelang wurde den Menschen erzählt: Streng dich an, dann klappt es schon. Wer scheitert, hat eben nicht genug geleistet und ein sorgender sozialer Staat ist antik und nicht notwendig. Weniger Gesetze, Vorgaben und tiefe Steuern würden glücklich machen – (Neo-)Liberalismus für alle eben.
F: Bis irgendwann die Wirklichkeit widerspricht.
O: Genau. Die Miete wird erhöht. Die Krankenkassenprämie wird erhöht. Der Lohn bleibt gleich. Aber das Märchen von der Eigenverantwortung bleibt bestehen. Trotz der berechtigten Angst, alles zu verlieren und den Lebensstandard nicht mehr halten zu können und seinen Kindern keine bessere Zukunft bieten zu können.
F: Und wenn die Geschichte nicht mehr zur Wirklichkeit passt, sucht man jemanden, der sie wieder passend macht.
O: Die SVP hilft gern dabei. Das ist das aktuelle politische Angebot der extremen Rechtsparteien überall auf der Welt – auch in der Schweiz.
F: Sie verkauft keine Lösungen. Sie verkauft Schuldige.
O: Schuldige sind politisch erstaunlich ergiebig. Sie kosten wenig und erklären fast alles.
F: Vor allem ersparen sie den Blick auf die Eigentumsverhältnisse.
O: Das war jetzt wieder fast klassisch marxistisch.
F: Manchmal funktionieren Klassiker eben.
O: Gewiss, aber das ist nicht alles.
F: Was fehlt denn?
O: Naja, da wäre eine neue faschistische Eigendynamik. Bei Leuten wie Elon Musk zeigt sich ein libertärer Autoritarismus. Der will nicht einfach mehr oder weniger Staat. Er will die Regeln der liberalen Moderne zerschlagen.
F: Den Kapitalismus will ich aber auch beenden.
O: Aber unter Prämissen der Freiheit und Gleichheit.
F: Solidarität und Gemeinschaft auch.
O: Eben. Die radikale Rechte befeuert aber die Idee von Nation, Volk, Sprache und so weiter. Das ist Phantombesitz.
F: Verstehe, und der Phantombesitz muss verteidigt werden.
O: Durch autoritäre Grenzpolitik mit Abschottung, Mauern und Inkaufnahme von Toten. Genau das beschwört diese Phantombesitzverteidigung.
F: Klingt sehr mystisch. Dabei ist ein Reisepass ein ziemlich mächtiges Phantom. Er öffnet und schliesst nicht nur Türen, sondern auch Grenzen.
O: Aber mich beschäftigt
noch etwas anderes.
F: Ich weiss.
O: Woher?
F: Du willst über Hoffnung reden.
O: Will ich das?
F: Immer.
O: :) Weil Hoffnung mehr ist als ein gutes Gefühl. Sie ist nicht nur Optimismus. Sie ist eine politische Kategorie. Für mich ist sie Antrieb: ohne Hoffnung keine sozialistische Politik.
F: Da widerspreche ich dir – ein wenig.
O: Das überrascht mich.
F: Hoffnung ist kein Anfang.
O: Sondern?
F: Ein Ergebnis. Niemand organisiert sich, weil eine Partei Hoffnung verspricht. Menschen organisieren sich, wenn sie erleben, dass sie gemeinsam etwas verändern können. Erst dann entsteht Hoffnung.
O: Das gefällt mir.
F: Ich weiss.
O: Das sagst du heute oft.
F: Ich wollte dir auch einmal das Gefühl geben, theoretisch berechenbar zu sein.
O: :D
F: Menschen organisieren sich, wenn sie erleben, dass sie gemeinsam etwas erreichen können.
O: Dann müssen wir wohl aufhören, Politik hauptsächlich als Abwehrkampf zu führen.
F: Seit Jahrzehnten verteidigen wir Bestehendes – gegen Sozialabbau, gegen Privatisierungen, gegen Kürzungen, gegen rechte Initiativen. Das ist notwendig. Aber niemand entwickelt Sehnsucht nach einem «Nicht-schlechter-Werden».
O: Politik braucht ein Versprechen, und genau hier ist mein Punkt mit der Hoffnung. Die Linke hat es seit Jahrzehnten verpasst, der Hoffnung auf das Motto «Eine andere Welt ist möglich» kulturelle und erlebbare Nahrung zu geben. Wir müssen also die Hoffnung organisieren – erst recht in einer so egozentrischen, narzisstischen Gesellschaft eines Tech-Faschismus.
F: Dann bleibt noch die Wut. Die wird ständig missverstanden.
O: Inwiefern?
F: Wir behandeln Wut, als wäre sie das Problem. Dabei ist sie zunächst nur ein Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmt.
O: Sie wird von rechts instrumentalisiert und ist meist destruktiv.
F: Das Problem liegt nicht an der Wut.
O: Sondern?
F: An der fehlenden Perspektive. Es ist doch wohl richtig, wütend über die Verhältnisse zu sein.
O: Wütend auf der Couch sitzen hat aber noch nichts geändert.
F: Nein, aber das ist eher «sich ärgern». Wut treibt doch vom Sofa hoch.
O: Du meinst, wir sollten die Wut organisieren, so wie die Rechte?
F: Die Rechte organisiert weniger die Wut als vielmehr die Ohnmacht. Sie erzählt den Menschen, sie könnten die Welt nicht verändern – ausser indem sie auf Schwächere zeigen.
O: Und da sind wir wieder beim Phantombesitz. Ideologisch wird da also schon etwas organisiert.
F: Stimmt.
O: Mit der Hoffnung ist es anders. Das unterscheidet uns.
F: Vor allem braucht sie eine Richtung, genau wie die Wut. Die Rechte verspricht Zugehörigkeit. Wir versprechen häufig nur, dass es mit uns nicht ganz so schlimm wird.
O: Voll einverstanden – genau das ist das Problem. Die Linke unterschätzt ihre eigene Geschichte. Fast alles, was heute selbstverständlich erscheint, musste einmal erkämpft werden: Arbeitszeitverkürzungen, Ferien, Sozialversicherungen oder das Frauenstimmrecht. Diese Kämpfe begannen nicht mit Mehrheiten, sondern mit Menschen, die sich organisiert haben, und die hatten sicher die Hoffnung, dass dies zu gewinnen ist.
F: Und mit Wut über die Zustände.
O: Deshalb stellt sich die nächste Frage: Warum gelingt das der Rechten derzeit besser?
F: Weil sie dort ist, wo Unsicherheit entsteht. Sie erklärt die Krise jeden Tag. Falsch zwar, aber verständlich.
O: Wir erklären oft, warum sie Unrecht hat. Das stimmt meistens. Aber es beantwortet nicht die Frage der Menschen, wie ihr Leben besser werden soll. Wir brauchen wieder ein sozialistisches Projekt.
F: Nicht als nostalgische Erinnerung, sondern als Antwort auf die Krisen der Gegenwart. Und als etwas, in dem wir und andere uns wirklich wiederfinden.
O: Das wäre dann auch die beste Antwort auf autoritäre Entwicklungen – nur dann müssten die linken Organisationen besser werden darin, Solidarität erlebbar zu machen. Wir brauchen wieder ein gemeinsames «Nostra Festa».
F: Und weniger Überforderung im Alltag.
O: Die Alternative wäre dann wieder anfangen, Zukunft zu erzählen. Nicht als Utopie, sondern als konkrete Erfahrung: eine bezahlbare Wohnung, ein guter Lohn, ein funktionierender Service public, ein Quartier, in dem Menschen einander kennen. Sicherheit ohne Ausgrenzung.
F: Also die konkrete Utopie. Das klingt erstaunlich unspektakulär.
O: Sozialismus ist meistens unspektakulär. Das ist sein Vorteil.
F: Und jetzt?
O: Jetzt Montag ;)

