«Delegation for Humanity» - Eine Reise nach Rojava

Anfang Februar hat die Delegation for Humanity Rojava besucht und sich mehrere Tage im Kanton Cizîrê aufgehalten und die aktuelle Situation vor Ort dokumentiert. Es war die erste internationale Delegation seit den tödlichen Zusammenstössen zwischen regierungsnahen syrischen Truppen und kurdischen Sicherheitskräften vom 6. Januar.

Qamişlo, Februar 2026; Foto: Franziska Stier

Am 30. Januar vereinbarten die Demokratischen Kräfte Syriens (QSD) und die syrische Übergangsregierung unter Scharaa einen sofortigen Waffenstillstand. Das Abkommen mit der syrischen Übergangsregierung fordert die Eingliederung der politischen und militärischen Strukturen Nord- und Ostsyriens in den syrischen Zentralstaat, und weiteres Blutvergiessen soll verhindert werden. 

Eine Waffenruhe ohne Vertrauen

«Wir wollten dieses Abkommen nicht», sagt uns eine Vertreterin der autonomen Verwaltung in Cizîrê, «aber wir mussten es für unser Volk akzeptieren, damit das Blutbad endet.» Vertrauen in die Übergangsregierung aber gibt es keines. Weder in der politischen Führung noch in der Bevölkerung spürt man Sicherheit. Zu oft wurden Abkommen gebrochen. Zu oft auch war die internationale Gemeinschaft bereit, Kompromisse auf dem Rücken der Menschen hier zu schliessen. «Unsere Zukunft ist verbunden mit Syrien und dem Mittleren Osten», erklärt uns die Vertreterin des Kantons Cizîrê. «Wir hoffen auf Frieden. Aber wir sind bereit, unsere Freiheit zu verteidigen.» Internationale Sicherheitsgarantien sind also dringend nötig. Ohne sie bleibt dieser Waffenstillstand ein Kartenhaus im Sturm.


Generalmobilmachung – wenn eine Gesellschaft Verantwortung übernimmt

Bei einem Treffen in Damaskus am 19. Januar hat Scharaa die Auflösung der QSD-Einheiten verlangt. Darauf hat Rojava die Generalmobilmachung ausgerufen. Das klingt militärisch, meint aber weit mehr. Es bedeutet: Menschen aus nahezu jedem Haushalt beteiligen sich nach ihren Möglichkeiten. Zivilist:innen sichern nachts ihre Nachbarschaften. In Qamişlo, dem Hauptort von Cizîrê, stehen jede Nacht zehn Freiwillige an jedem Checkpoint innerhalb der Stadt. 17 Notfallkommissionen koordinieren Schutz, Versorgung und Unterstützung für Zehntausende Vertriebene. «Alle Menschen verteidigen ihre Städte und Rojava», sagt uns Rojhat Efrîn, der Leiter des Grenzübergangs Sêmalka am Tigris zu Türkei und Irak. Vertreterinnen von Kongra Star, der kurdischen Frauenbewegung Rojavas, formulieren es noch klarer: «Angesichts eines drohenden Genozids müssen wir alle Energie auf die Selbstverteidigung richten.» Diese energische Entschlossenheit ist nicht nur in den offiziellen Treffen, die unsere Delegation mit Verwaltungs- und zivilgesellschaftlichen Institutionen abhält, sondern auch in den Strassen spürbar.

170 000 Vertriebene – und keine Garantien

In Qamişlo leben derzeit rund 170’000 Binnenvertriebene. Es sind Familien aus Efrîn, Raqqa und Tabqa. Viele wurden mehrfach vertrieben. In Schulen, Moscheen und Akademien schlafen sie auf engstem Raum. «Den Menschen hier fehlt es an allem», berichtet uns eine Vertreterin des Rats der Vertriebenen aus Efrîn und Şehba, die sich um die Versorgung der Geflüchteten kümmert. «Und sie brauchen Garantien.» Damit sie zurückkehren können, fordern sie vertrauenswürdige Sicherheit für ihre Unversehrtheit. Das Abkommen hält zwar ein Rückkehrrecht für die Vertriebenen fest, aber in der Realität verhindern bewaffnete Gruppen die Heimkehr. Zudem wurden Häuser enteignet und neu vergeben. Cemal Reşîd vom Vertriebenenrat berichtet: «Um zurückzukehren, sollen die Familien 3000 Dollar zahlen, um in ihr eigenes Eigentum zurückzukehren – in Häuser, aus denen sie gewaltsam vertrieben wurden.»
Und über allem schwebt die Sorge um verschwundene Menschen: «Wir vermissen rund 3000 Personen und wissen nicht, was mit ihnen passiert ist oder wo sie sind», ergänzt eine Vertreterin des Vertriebenenrats.

Rechte für Frauen und Minderheiten müssen erstritten werden

Rojava ist ein feministisches Projekt, ein demokratisches Experiment und ein Versprechen, aber das System mit Kovorsitzenden, die Frauenverteidigungseinheiten YPJ, die Frauendörfer und die Gesetze des Gesellschaftsvertrags stehen nun unter Druck. «Wir kämpfen nicht nur für Frauenrechte», sagt uns eine Vertreterin von Kongra Star, «wir kämpfen für Sprache, für politische Rechte, für Minderheiten.» Die Integration in ein neues Syrien ist politisch vereinbart, aber damit Frauenrechte in der syrischen Verfassung verankert werden können, braucht es einen politischen Kampf. «Wir kämpfen gegen eine Ideologie, die uns nicht als Menschen sieht. Wie soll sie uns dann als Frauen sehen können?», fragt eine Vertreterin von Kongra Star. An die Frauen in der Diaspora gerichtet lautet ihre Botschaft: «Der Kapitalismus erschwert unser Leben und unseren Kampf hier. Bitte macht euch nicht zu Verbündeten dieses Systems. Unsere Stimmen hier erreichen niemanden – ihr müsst sie in die Welt tragen.» Der Kampf um Rojava ist nicht nur militärisch und er wird über die Grenzen Syriens hinaus geführt. Desinformationskampagnen in den sozialen Medien oder die Übernahme dschihadistischer Narrative in den westlichen Leitmedien kreieren ein Bild, dem wir Frauen und genderqueeren Menschen entschieden widersprechen müssen, indem wir die Stimmen unserer Schwestern in Rojava hörbar machen.

Kultur im Widerstand

Auch die Kulturschaffenden leisten Widerstand. Dabei geht es nicht nur darum, die kurdische Kunst zu schützen, sondern die kulturelle Vielfalt Syriens. «Hier feiern Muslime Newroz, und Kurden feiern Īd al-fitr», erklären uns Ilyas Sido und Feryal Çoli, die Kovorsitzenden der Kunst- und Kulturkommission in Qamişlo. Kultur ist auch Teil des Widerstands. Die Revolution begann auch mit Videofilmen, Liedern und Theaterstücken. «Wir kämpfen mit unserer Kunst und manchmal auch mit Waffen. Aber wir wollen einfach nur Musik machen», erklären uns Künstler*innen in Qamişlo. Aber auch die Dschihadisten wissen um die Kraft von Kunst und Kultur und nehmen deshalb Künstler*innen gezielt ins Visier von Anschlägen. So sah sich beispielsweise der Sänger Selman Ibrahim wegen eines Liedes mit Morddrohungen gegen sich und seine Kinder ausgesetzt. Ein Künstler der Filmkommune in Qamişlo erklärte: «Wenn wir nicht frei sind, können wir keine Kunst machen. Also müssen wir unser Land befreien.»

Enttäuschung über internationale Gemeinschaft

Die Enttäuschung über die früheren Bündnispartner im Kampf gegen den IS ist gross. Gemeinsam hat man 2015 den IS besiegt. Dabei zahlte das kurdische Volk den höchsten Preis. 11’000 Söhne und Töchter starben, mehr als 20’000 wurden verletzt. Doch nun anerkennt die internationale Gemeinschaft einen Dschihadisten als legitimen Präsidenten, um ihre Interessen regional geltend zu machen. Heute akzeptiert die internationale Gemeinschaft einen politischen Kurs, der zentrale Werte wie Gleichberechtigung, Pluralismus und Demokratie zur Verhandlungsmasse macht.

Weltweiter Kampf für gemeinsame Werte

Doch Rojava wäre nicht Rojava, wenn es nicht auf die Stärke der Völker selbst zählte. Die Bilder der Proteste auf der ganzen Welt geben ihnen Kraft, Mut und Hoffnung. Denn Rojava ist nicht nur ein kurdisches Projekt. Es ist ein Modell für ein demokratisches, pluralistisches Syrien und ein Gegenentwurf zu Nationalismus und Dschihadismus, das unsere Unterstützung mehr denn je braucht. Alle Menschen, die an der Seite Rojavas stehen, sind damit Teil der laufenden Generalmobilmachung. Der Kampf um die Freiheit der Menschen in Rojava ist auch ein ideeller, für den es Diplomatie, politisches Handeln und unser aller Eingreifen in die öffentliche Debatte braucht. Es liegt an den Menschen in Europa, die Haltung ihrer Regierungen zu beeinflussen und sie auf die gemeinsamen Werte zu verpflichten. Ein Erstarken dschihadistischer Ideologien bedroht nicht nur die Vielfalt und die Menschen in Syrien, sondern die Freiheit und Sicherheit der ganzen Welt.

Franziska Stier, Parteisekretärin

Dieser Artikel ist in leicht geänderter Fassung auf Türkisch in der Zeitung «Yeni Özgür Politika» sowie auf ANF erschienen.