Care Streik 2027 – Her mit dem ganzen Leben!

Das Bild zeigt eine Gruppe von Menschen. Im Vordergrund steht ein Anhänger mit Soundwagen und dem Schild "We care"
Unsere Wirtschaft schafft es nicht ohne die Überausbeutung der CARE-Arbeit
Unsere Wirtschaft schafft es nicht ohne die Überausbeutung der Care-Arbeit, konstatieren die Pfleger:innen. Das gilt auch für viele weiblich gelesene Personen in Sozialberufen, ebenso wie Mütter, die neben einem Teilpensum Erwerbsarbeit noch für ein Kind oder einen betagten Vater Sorge tragen müssen. Der Wunsch, die Erwerbsarbeit mit Kontakten und lohnender Beziehung zu Menschen nicht nur zum finanziellen Selbsterhalt werden zu lassen, scheint strafbar: Die 1:1-Sorgebeziehung ist bekanntlich nicht rationalisierbar und damit wirtschaftlich eigentlich nicht zulässig bei durchgängigem Wachstumszwang.
Die Erkenntnis, dass dieser Zwang selbst in die individuelle Ebene hineinreicht, liegt dem anschwellenden Geraune über den Mangel an Möglichkeiten zu Care zugrunde.
Überausbeutung
Dass Überausbeutung vorliegt, zeigt sich im Faktum, dass eine gewogene Mehrheit der Pflegerinnen – auch ohne Familienpflichten – keine 100%-Pensen mehr eingeht. «Es ist nicht zu schaffen», hört man (allerdings mehr von den hochqualifizierten Pfleger:innen als von den in häufig migrantischen FaGes und Hilfspfleger:innen, die nicht weniger getaktet und angetrieben werden, aber deren Lohnniveau sich merklich unterhalb bewegt). Sozialarbeiter:innen mit einem Pensum von 100 Prozent dürften das ähnlich sehen, wenn sie sich einen Anspruch auf echte menschliche Beziehung erhalten haben.
Überausbeutung ist der Anlass, dass die zusammengeschlossenen feministischen Streikkomitees der Schweiz die Forderung nach einer Arbeitszeitverkürzung als prioritär für den kommenden 14. Juni sehen. In einer schweizweiten Zusammenkunft in Lausanne wurde diese eine Forderung aus einer Serie von dreizehn ausgewählt – und unterstrichen durch den Beschluss, dass der Feministische Streik 2027 sich auf diese Forderung konzentrieren solle. Eine bestimmte Stundenzahl wurde auf spätere Treffen und eventuelle Verhandlungen mit Gewerkschaften verschoben. Sie oszillierte In der Begeisterung über die potentielle Macht einer erneuten Bewegung einer halben Million Unterstützer:innen zwischen 25 und 35 Stunden. Die Arbeitszeitverkürzung soll natürlich keine Lohnkürzungen mit sich ziehen und nicht durch eine Intensivierung der Arbeit wieder ausgehöhlt werden.
Hauptziel: Erwerbsarbeit kann nicht einziger Lebenszweck sein
Dies stellt eine unerwartet strategische Wahl dar, die sich auch in eine mögliche Volksinitiative umsetzen liesse. Dass die Schweiz laut OECD-Zahlen mit einer 43-Stunden-Woche hinterherhinkt, während Europa bei 38,5 Stunden liegt, gibt dem Anliegen massiven Auftrieb. Ambitioniert wurde daran erinnert, dass der Generalstreik von 1918 siegreich eine Arbeitszeitverkürzung verlangte und erreichte (Senkung von 59 auf danach 48 Stunden). Strategisch ist die Wahl auch, weil die Zielsetzung eine ganze Reihe von Vorteilen für ein besseres Leben erbringen kann – und dies nicht nur für Frauen: Es kann vermehrt auf Teilzeitarbeit verzichtet werden, die mit ein Grund für schlechtere Löhne der Frauen und geringe bis fehlende Pensionen aus der Zweiten Säule sind. Längere freie Zeit auch für Väter könnte Erleichterungen in der Haus- und Betreuungsarbeit einbringen, also mehr Care möglich machen.
Es ergeben sich bessere Chancen, anderweitige Engagements und regelmässige Freizeitaktivitäten einzugehen – auch wenn es noch nicht die «Vier in einem»-Perspektive von Frigga Haug wäre.
Als Nächstes stehen die Kontakte und die Zusammenarbeit mit den Gewerkschaften auf dem Mobilisierungsprogramm: Die Feministische Konferenz der Gewerkschaften hat schon im Herbst 2025 ihre Mitarbeit für einen grossen Frauen- und Feministischen Streik im 2027 angekündigt und sie sind für die praktikable Umsetzung eines realen Streiks auch unverzichtbar.
Susy Greuter, Redaktion Bulletin
