Blackoutinitiative – mehr als ein Risiko

Nachdem der Ausstieg aus der Kernenergie beschlossen und 2017 das entsprechende Energiegesetz (Energiestrategie 2025) beschlossen wurde, kommt das Thema trotz Volksentscheid wieder zur Abstimmung.

Im Jahre 2024 wurde die Initiative «Jederzeit Strom für alle (Blackout stoppen)» lanciert, welche über den Verfassungsartikel «Alle klimaschonenden Arten der Stromerzeugung sind zulässig.» Kernkraftwerke wieder zulassen wollte. Nachdem der indirekte Gegenvorschlag des Bundesrats von beiden Räten genehmigt wurde, soll das Neubauverbot von KKW im Kernenergiegesetz gestrichen werden. Gegen diesen Entscheid wurde das Referendum ergriffen, über welches wohl am 28. Februar 2027 abgestimmt wird.
Die erneute Traktandierung des Atomstroms ist ärgerlich, weil er absehbar keine Probleme löst, die die Schweiz hat, und vielmehr die notwendigen Schritte in der Energiepolitik und der Entwicklung einer robusten Infrastruktur untergräbt.  Dieser Schwenk in der Ausstiegsstrategie steht nicht nur im Gegensatz zum Volksentscheid, sondern kollidiert auch mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien, da beide um dieselben Mittel konkurrieren. Selbst wenn ein Mix verschiedener Technologien anzustreben wäre, darf der Ausbau der erneuerbaren Stromproduktion nicht verlangsamt werden. Dieser erfordert Investitionen in Netze und Stabilisierungsmassnahmen und flexible Reservekapazität. Dazu braucht es ein starkes, resilientes Netz, das auch Import und den Austausch mit Nachbarländern einschliesst. Solche Systeme werden umso stabiler, je grösser sie sind. Auch deswegen ist das Stromabkommen integraler Bestandteil der bilateralen Verträge mit den europäischen Nachbarn. Aufgrund ihrer geografischen Lage ist die Schweiz eine wichtige Schaltstelle im so wichtigen Stromhandel in Europa. DIe häufig ins Spiel gebrachte Autarkie der Schweiz ist letztlich die teuerste und riskanteste Variante, die Stromversorgung des Landes zu organisieren.

Häufig wird vergessen, dass Atomkraftwerke nicht so zuverlässig sind, wie angenommen. Selbst wenn diese sicher und wartungsfrei laufen, müssen sie doch weltweit bisweilen abgestellt werden, wenn z.B. die Kühlung mit Flusswasser nicht gewährleistet werden kann, was in diesem Sommer in Frankreich und in Ungarn, aber auch in der Schweiz für längere Zeit der Fall war. Ebenso ist die Abhängigkeit von den Lieferanten der Brennelemente durchaus kritisch und nicht so resilient, wie gerne suggeriert wird.

Kostenrisiko

Ein Atomausbau wird sehr teuer und fast sicher teurer als projektiert. Das zeigen die letzten grossen europäischen Projekte, die Budget und Zeitplan um ein Vielfaches überstiegen haben. Beispiele der letzten Jahre sind  Olkiluoto 3 in Finnland und Flamanville 3 in Frankreich und Hinkley Point C in England, die 3- bis 7-mal teurer als geplant waren.  Wie die Kosten für komplexe Projekte aus dem Ruder laufen können, zeigt ja auch der Verlauf der Beschaffung der F-35-Kampfflugzeuge in der Schweiz. Solche finanziellen Lasten (projektiert bis zu 43 Mrd. CHF) und Risiken werden nicht von privaten Investoren getragen, sondern können nur über staatliche Garantien und über sehr lange Zeiträume realisiert werden bzw. von Endverbrauchern in den nächsten Jahrzehnten getragen werden. Daher wird der Bau neuer Kernkraftwerke selbst von der Axpo nicht empfohlen. Das Endlagerproblem der radioaktiven Abfälle über Millionen Jahre ist dabei noch gar nicht berücksichtigt.

Risiken

Auch die oft ins Spiel gebrachte Entwicklung kleiner neuer Reaktoren, die dann im Land verteilt dezentral installiert werden sollten, ist problematisch, da diese neuen Designs nicht getestet sind und daher zunächst nicht sicherer sind, auch wenn dies teilweise behauptet wird. Sie haben ihre Effizienz auf kleiner Skala noch lange nicht bewiesen und sind sicherlich keine Lösung für die nächsten Jahrzehnte. Kompromisse bei der Sicherheit oder den Genehmigungsprozessen zu machen, wäre leichtsinnig, gerade für neuartige Reaktortypen. 
Auch andere Gefahren, die solche im Land verteilten dezentralen Anlagen darstellen, werden unterschätzt: Das Risiko von Anschlägen oder missbräuchlicher Benutzung steigt mit der Anzahl der Anlagen, nicht mit deren Grösse. Gerade die Geschehnisse der letzten Jahre und Monate zeigen die Verwundbarkeit durch militärische oder terroristische Angriffe von einzelnen Anlagen oder kleinen Gruppen. Das lässt sich auch im schönsten Prepper-Reduit nicht leugnen.

Die Herausforderungen an das Energiesystem der Zukunft sind gewaltig. Von zunehmender Elektrifizierung und Zunahme des Stromverbrauchs ist auszugehen. Sparsamkeit und Effizienzgewinne werden den Anstieg durch die zunehmende E-Mobilität und den Umbau von Gebäudeheizungen auf Wärmepumpen nicht ausgleichen können. Dazu kommen die Aufgaben der Defossilisierung und das Erreichen der Netto-null-Ziele, die den Einsatz fossiler Kraftwerke einschränken. 
Aber die notwendigen Technologien für die Energiewende stehen alle bereits zur Verfügung (im Gegensatz zu neuer SM-Reaktortechnologie) und sie werden auch weiterhin mit der Zeit deutlich billiger aufgrund der Erfahrung, die mit den neuen Technologien gemacht wird, sowie der Skalierung, die z. B. die Kosten bei Photovoltaik und Batterien deutlich senkt.

Die Entwicklung neuer Reaktoren oder der Neubau von Atomkraftwerken wird in absehbarer Zeit kein Problem lösen können und bringt enorme Sicherheitsrisiken wie auch finanzielle Risiken mit sich. Daher sollten wir die bestehenden Ressourcen auf den Ausbau eines stabilen Systems erneuerbarer Energien setzen. Jeder Franken, der in die falsche Technologie gesetzt wird, fehlt beim Ausbau der robusten, flexiblen erneuerbaren Lösung, die nachhaltig ist und der Klimaerwärmung entgegensteht.  
KKWs sind eben nicht sinnvoll und sind teuer und gefährlich. Sie stehen dem notwendigen Wandel im Wege. Daher muss die Renaissance der Kernkraft gestoppt werden, bevor sie noch mehr Schaden anrichtet.

Dr. Felix Güthe, BastA! 

Quellen und Literatur:

Tim Meyer, «Strom: Über Nostalgie, Zukunft und warum der Markt längst entschieden hat», 2025
BAK Economics, «Volkswirtschaftliche Auswirkungen eines Ersatzneubaus der Schweizer Kernkraftwerke», economiesuisse, Juli 2026
Urs Neu, (2026) «Baukosten und Finanzierung von neuen Kernkraftwerken in der Schweiz», Swiss Academies Reports21 (6), 2026
www.axpo.com/ch/de/newsroom/medienmitteilungen/2026/AxpoEnergyReportsSosichertdieSchweizihreStromversorgung.html