Newroz - Frühlingsfest in Diyarbakir


Bereits um 07.30 startete am 19. März der Flug nach Amed (Diyarbakir). Mit an Bord unsere Newroz-Delegation, bestehend aus sechs Frauen. Werden sie uns einreisen lassen? Wenn ja, wie wird die Ankunft in Diyarbakir sein? Diese und viele andere Fragen beschäftigten uns während des Fluges.
In Istanbul angekommen, passierten wir ohne Probleme die Passkontrolle. Es standen auffällig wenig Leute vor den Schaltern. Insgeheim wünschte ich mir die üblichen Schlangen zurück. Mit 2 Stunden Verspätung dann die ersehnte Ankunft in Diyarbakir, wo wir herzlich empfangen wurden.
Am nächsten Tag begleiteten wir eine Aktion der HDP in den Strassen der Innenstadt. Wir wurden angefragt, als Beobachterinnen teilzunehmen. “Steht beim Start abseits und wartet die ersten Reaktionen der Polizei ab; falls sofort eingegriffen wird, zieht euch zurück,“ lautete die Devise.
Es wurden Newroz- und „NEIN zum Referundum“-Flyer verteilt. Die Frauen in ihren farbigen kurdischen Kleidern gingen an der Spitze, begleitet von Musik. Immer mehr Menschen schlossen sich dem Zug an und es wurde geklatscht auf den Balkonen. Man fühlte endlich wieder etwas Fröhlichkeit in dieser Stadt. Leider nur, bis die Polizei den Zug stoppte und alle NEIN-Flyer konfiszierte. Niemand liess sich provozieren, gelassen marschierte der Zug weiter und verteilte die restlichen Newroz-Flyer. Die grossen Ja-Transparente über den Strassen waren wieder konkurrenzlos.
Anschliessend stand der Besuch beim Menschenrechtsverein IHD auf dem Programm, wo wir uns über die Situation des inhaftierten Präsidenten des Vereins, Raci Bilici erkundigten. Sein Stellvertreter war optimistisch: „Solche schikanösen Verhaftungen dauern meist 7 Tage, morgen wird Raci Bilici sicher freigelassen.“ Er hatte Recht, zu unserer grossen Freude konnte Raci am nächsten Tag seine wichtige Arbeit wieder aufnehmen.
Nun war es Zeit, die Legimitationskarten für Newroz abzuholen. Hier wurde die Herausforderung für die HDP sichtbar. Ihre Bürgermeisterin und ihr Bürgermeister wurden verhaftet und viele Gemeindeangestellte entlassen. Die Gemeinde wurde von der AKP„ treuhänderisch“ übernommen. Das heisst, die Infrastruktur der Partei ist grösstenteils vernichtet. Es gab keine Busse mehr, um die Bevölkerung auf den abseits gelegenen Festplatz zu fahren, und die riesigen administrativen Vorbereitungen wurden von einem Heer von Freiwilligen geleistet. Trotz all dieser Hektik kam Vorfreude und grosse Solidarität zum Ausdruck.
Der Spiessrutenlauf zum Fest
Am nächsten Tag wurden wir mit kleinen Bussen zum Festplatz gefahren. Die Polizei empfing uns zur Kontrolle, die Pässe wurden eingesammelt und eingescannt. Auf unseren Legimitationskarten war der Schmied Kawa zu sehen (eine wichtige Sagenfigur in der Geschichte von Newroz) und eine Hand, die das Victory-Zeichen zeigte, in den kurdischen Farben. Dies wollte die Polizei nicht akzeptieren. In einer langen Reihe standen wir an, und ein Polizist überklebte auf jeder einzelnen Karte den Schmied und das Handzeichen. Für uns war dies eine absurde Aktion, für die Bevölkerung ist es Alltag.
Aus Sicherheitsgründen wurden wir von HDP Abgeordneten auf einen abgesperrten Platz mit Tribüne geführt. Hier sahen wir, wie sich die Bevölkerung in einem schier endlosen Strom auf den Platz bewegte. Innert kürzester Zeit standen Hunderttausende da, tanzten, sangen und schwenkten ihre Fahnen mit den kurdischen Farben. Auch eigentlich verbotene „Nein“-Fähnchen waren zu sehen. Ein alles übertönender Jubel, als das riesige Newrozfeuer zu lodern begann. Die Feier wurde umrahmt mit Reden von HDP Abgeordneten, Musik und Tanz.
Die Bewilligung umfasste den Zeitraum von 11.00 Uhr bis 15.00 Uhr. Um 15.0O wurde der Strom abgestellt, der Rapper auf der Bühne sang unter grossem Jubel ohne Verstärker zu Ende.
„Wir müssen die Angst überwinden“, sagte uns der ehemalige Bürgermeister von Diyarbakir, Osman Baydemir. Dies ist auf diesem Platz sichtbar gelungen. Die Bevölkerung ist optimistisch, nicht im Sinn einer baldigen Lösung, aber im Sinn der Solidarität und des Widerstandes.
Ich wünsche der kurdischen Bevölkerung, dass sie ihre lebensbejahende, herzliche und fröhliche Art behalten. Unterstützen wir sie darin, und in ihrem Kampf für Demokratie und Gerechtigkeit.
Es lebe die Internationale Solidarität!
Maya Heuschmann