Ja zur Ernährungsinitiative

Mit der Ernährungsinitiative wird im September über einen der radikalsten Änderungsvorschläge an der aktuellen Agrarpolitik abgestimmt. Die Initiative verlangt, dass die landwirtschaftliche Produktion an Nachhaltigkeits- und Klimazielen ausgerichtet werden und der Schutz der Grundwasserressourcen zur nachhaltigen Trinkwassergewinnung explizit in der Verfassung verankert werden soll. Ausserdem soll der Netto-Selbstversorgungsgrad (SVG) der Schweiz innerhalb von zehn Jahren von heute knapp unter 50% auf mindestens 70% ansteigen.

Fotos: Mirko Fabian, caswi und daeron auf pixabay Bildmontage: Franziska Stier

Mit der Ernährungsinitiative wird im September über einen der radikalsten Änderungsvorschläge an der aktuellen Agrarpolitik abgestimmt. Die Initiative verlangt, dass die landwirtschaftliche Produktion an Nachhaltigkeits- und Klimazielen ausgerichtet werden und der Schutz der Grundwasserressourcen zur nachhaltigen Trinkwassergewinnung explizit in der Verfassung verankert werden soll. Ausserdem soll der Netto-Selbstversorgungsgrad (SVG) der Schweiz innerhalb von zehn Jahren von heute knapp unter 50% auf mindestens 70% ansteigen.

Das rechte Gegenkomitee der Ernährungsinitiative spricht von einem «Vegan-Zwang». Diese Wortwahl ist selbstverständlich polemisch und falsch. Doch auch die SP hat die Nein-Parole beschlossen und die Grünen Schweiz eine Stimmfreigabe. Beide Parteien begrüssen die grundsätzliche Richtung der Ernährungsinitiative, bezeichnen jedoch das ambitionierte Ziel eines derart hohen SVG als unrealistisch und ökologisch kontraproduktiv. Diese Angst ist verständlich, kommt doch die Forderung nach einem höheren SVG in der Regel aus rechten Kreisen. Diese fordern die Abschaffung von ökologischen Ausgleichsflächen und den Abbau von Umweltschutzbestimmungen, die ein Intensitätsniveau wie in anderen Ländern Europas verunmöglichen. Tatsächlich würde aber, wie eine Untersuchung des Forschungsinstituts für Biologischen Landbau (FiBL) zeigt, der SVG durch unrealistisch hohe Ertragssteigerungen von 25% lediglich um 5% ansteigen. Eine intensive ackerbauliche Nutzung von ökologischen Ausgleichsflächen würde den SVG sogar um nur 1% erhöhen.

Die Ernährungsinitiative fordert zur Erreichung eines SVGs von 70% eine stärkere Ausrichtung der Schweizer Landwirtschaft auf die pflanzliche Produktion. Heute wird in der Schweiz auf etwa 60% der Ackerflächen Futtermittel produziert. Die oben genannte FiBL-Studie hat genau diesen Ansatz untersucht und ist zum Schluss gekommen, dass sich der SVG durch die Nutzung aller Ackerflächen für die menschliche Ernährung auf 66% erhöhen liesse. Gelingt es (wie vom Bund angestrebt), den aktuellen Food Waste zu halbieren, entspräche dies sogar einem SVG von über 80%.

Es versteht sich von selbst, dass bei einem Verzicht auf Futtermittel vom Acker die Tierbestände entsprechend angepasst werden müssten. Schweine und Hühner könnten nur noch mit Nebenprodukten der Lebensmittelverarbeitung gefüttert werden. Ihre Bestände müssten entsprechend um 80%, bzw. 85% abnehmen. Rindvieh, das als Wiederkäuer in der Lage ist, Gras zu verwerten, könnte weiterhin in einem ähnlichen Umfang gehalten werden wie heute. Die Milchproduktion würde aufgrund der geringeren Intensität um die aktuell produzierte Übermenge (Export von Milchprodukten) abnehmen. Insgesamt müsste also der Fleischkonsum in der Schweiz deutlich abnehmen, aber es stünden weiterhin genug tierische Proteine zur Verfügung, um den Bedarf von 10 Mio. Menschen zu decken, wenn die aktuelle Ernährungsempfehlung des Bundes als Grundlage genommen wird.

Fazit: Würde es gelingen, das vom Bund gesteckte Ziel von 50% Food-Waste-Reduktion zu erreichen und würde die Schweizer Bevölkerung ihre Ernährung nach den offiziellen Ernährungsempfehlungen des Bundes ausrichten, wäre ein deutlich höherer SVG von über 70% leicht möglich. Und die daraus resultierende Landwirtschaft wäre zudem durch eine deutlich reduzierte Tierhaltung umweltfreundlicher. Die Forderungen der Ernährungsinitiative mögen ambitioniert sein, aber wenn wir die Klimakrise, die Biodiversitätskrise und die globalen Unsicherheiten in Bezug auf die landwirtschaftlichen Lieferketten ernst nehmen, sind sie unumgänglich.


Kasimir Krneta, BastA! Mitglied, Landwirt, ang. Agronom

Zitierte FiBL-Studie:  Müller A., Augustiny A., Amacker R., Walter A., Keller B., Bosshard A. (2025). Wege zu einer markanten Erhöhung des Selbstversorgungsgrades bei weniger Umweltbelastung. Agrarforschung Schweiz, 16, 212–224. doi.org/10.34776/afs16-212